Wie lange reift Mouton-Rothschild und anderer Bordeaux?

Beispiele aus den Jahrgängen 1961-1982. Degustiert und notiert von Thomas Gassner

Unter diesem Motto stand jüngst eine bei der Weinbruderschaft zu München e.V. durchgeführte Raritätenprobe mit Chateau Mouton-Rothschild aus 3 Jahrgängen als „Stargast“.
Um älteren, z.T. auch aus schwächeren Jahren stammenden Weinen bessere Chancen, v.a. gegenüber dem zum Schluß verkosteten Jahrhundertjahrgang 1982 zu geben, wurde offen in der Reihenfolge „alt vor jung“ paarweise verkostet, dies erwies sich als absolut richtig.
Die Probe bestätigte – trotz angebrachter Kritik am einen oder anderen Wein – erneut das erstaunliche Alterungspotential der Weine aus dieser Region, selbst bei kleineren bzw. unbekannten Gewächsen. Mir wurde aber auch wieder klar, dass Bordeaux nicht zwangsläufig 30 Jahre oder länger aufgehoben werden müssen. So lässt sich derzeit der Jahrgang 2007 schon gut trinken und zwar bei Cru Bourgeois und auch Cru Classes. Fortgeschittene Kenner können auch schon mal die eine oder andere Flasche aus dem Top-Jahr 2000 öffnen, z.B. einen St. Emilion mit höherem Merlot-Anteil. Und „Profis„ dürfen sich auch schon mal an einen 1995er heranmachen.
Wer mehr auf sattere Frucht als tertiäre Noten im Wein Wert legt, fährt mit jüngeren Weinen, um langsam wieder zum Thema zurückzukommen, sicher besser. Ca. 10 Jahre „Schonzeit“ sind aber bei den Cru Classes aus besseren Jahrgängen weiterhin Pflicht.

Zum Anfang: Ein über 50 Jahre alter Bordeaux

Über 50 Jahre alt war der erste Wein, ein 1961 Chateau St. Georges aus der Appellation Saint-Georges St.Emilion ( 16/20), ein völlig unbekanntes Gut. Erstaunlich schlanke Beerenfrucht, über mehrere Minuten stabil im Glas, im Gegensatz zum 1964 Chateau Mouton Rothschild. Die anfänglich in Spuren noch vorhandene Mouton Exotik (v.a. Tabak, Kaffee) baute von Schluck zu Schluck ab (15 /20).

1970 – Ein Jahr mit gutem Ruf

Weiter ging es mit Jahrgang 1970, nicht so illuminös wie 1961, aber ein Jahrgang mit gutem Ruf. Dem wurde Chateau Les Carmes Haut Brion (schöne Frucht, aber wenig Länge, spürbares Tannin, 16/ 20 sicher am abbauen) eher gerecht als Chateau Vieux Rivallon aus St. Emilion (etwas ruppig-rustikal, nach Belüftung im Glas mehr Aromatik aber auch deutlichere Säure 14/20).

1971 und 1975

Chateau Mouton-Rothschild 1971 wies ein altersbedingtes „Maggi-Parfüm“ auf, war dafür am Gaumen weitaus erfreulicher, durchaus noch komplex mit interessanten dunklen Schokonoten (16,5/ 20 baut ab). Dem deutlich unterlegen war 1975 Chateau La Marzelle, St. Emilion mit unangenehm-scharfem, fast an Meerettich erinnerndem Abgang ( 13 /20, vorbei).
Diese Schärfe (nicht integrierte Tannine ?) zeigte sich leider auch beim 1975er Chateau Pichon- Longueville Baron, der zuvor aber am Gaumen noch kurz mit leichter Frucht gefallen konnte . Insgesamt aber ziemlich beschämend, wenn man bedankt, welche Granaten-Weine auf diesem Chateau seit 1986 erzeugt werden ! Da braucht mir auch keiner damit kommen, das sei halt noch „old school“. Deshalb nur 14/20.

1977 Mouton Rothschild und 1978 Croix du Casse und Pontet-Canet

Nicht viel Freude auch beim 1977er Chateau Mouton Rothschild . Einer der schlechtesten Bordeaux –Jahrgänge aller Zeiten, könnte vielleicht Mitte der 80er Jahr „ganz nett„ gewesen sein. Jetzt ziemlich dünn, leider nur noch Barriquetöne übrig. Immerhin, der Wein zerfiel nicht im Glas wie bei einer Probe vor ca . 7 Jahren – 12/20, um nicht zu hart zu sein.
Zarte Frucht, schön zu trinken notierte ich bei 1978 Chateau La Croix du Casse aus Pomerol und vergebe deshalb 17,5 /20. Auf ähnlichem Niveau, nur von anderem Charakter Chateau Pontet-Canet, aus der berühmten Medoc-Appellation Pauillac. Ein stimmig gereifter Wein mit schöner Cassis-Note, leichte Tannin-Schärfe am Ende, 17,5 /20. Positive Überraschung, da nicht gerade aus einer aufregenden Phase dieses Chateau.

1982 -der Jahrhundertjahrgang auch heute noch?

Zum Schluß dann Jahrgang 1982 . Die verkostete Flasche Ducru-Beaucaillou war leicht fehlerhaft (Korkschleicher ?) so dass die eminenten Vorzüge dieses Weins leider etwas getrübt waren. Bei einer fehlerfreien Flasche sicher eine tolle Substanz, eine beindruckende Symbiose aus Eleganz und Kraft, dann 19,5/20, so vielleicht 17/20. Hatte vor 10 Jahren eine perfekte Flasche, ein Bilderbuch-Bordeaux ! Viel Mehr geht in Punkto Struktur, Frucht und Länge nicht. Man sieht hier, wie lange bei einem großen Bordeaux das Trinkfenster offen steht. Die jahrgangsbedingte Dichte machte sich auch schön bei Chateau Cantemerle, aber in einem etwas leichteren Stil bemerkbar . Schön geschliffene Frucht. Trotz über 30 Jahre noch kein Zeichen von Müdigkeit. Wunderbares Bordeaux-Vergnügen. 18,5 /20.
Ein denkwürdiger und lehrreicher Abend, auch wenn die großen Highligts wegen Jahrgangsschäche (Mouton) oder Flaschenschwäche (Ducru) ausblieben.

Liebe Weinfreunde und Leser dieses Blogs- Wie sind Ihre Erfahrungen mit älteren Bordeaux? Diskutieren Sie mit !

Thomas Gaßner

 

Datum: 27.09.2014
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